Magazin

zum Bundespresseball

Willkommen im Online-Magazin des Bundespresseballs. Erfahren Sie Wissenswertes und schauen Sie hinter die Kulissen der Veranstaltung.


Die Partner des 69. Bundespresseballs

Ein festlicher Ball in dieser Dimension wäre ohne die Unterstützung unserer zahlreichen Partner nicht möglich. Hier stellen wir sie vor.

Gage der Big Band

Engagiert für Flüchtlinge: Auch auf dem 69. Bundespresseball spielte die Big Band der Bundeswehr für einen guten Zweck. Da die Musiker stets ohne Gage auftreten, unterstützt der Bundespresseball den Verein »Bildung International e. V.« mit einer Spende von 10.000 Euro.

Als Mohammed zum ersten Mal in den Kindergarten kam, gab der Drei­jährige nur Laute von sich, sprechen konnte oder wollte er nicht. Auch zu Hause sprach er kein Wort, wie seine Mutter verzweifelt erzählte, als sie ihn im Kindergarten anmeldete. »Auf ihrer Flucht in die Türkei hatte er 15 Tage in einem Bunker ausharren müssen, während draußen Kämpfe tobten. Der Schock saß so tief, dass er in den ersten Tagen bei uns nur schüchtern in der Ecke saß«, erzählt Sanabel Marandi, die Leiterin des Fackeln-der-Freiheit-Kindergartens für syrische Flücht­lingskinder in Istanbul.

Wenn ihn die Kinderpsychologin ansprach, nickte er nur oder schüttelte mit dem Kopf. Nach vier Mona­ten sagte er zum ersten Mal seinen Namen. Heute ist Mohammed sechs Jahre alt. Er spielt mit Gleichaltrigen und besucht die erste Klasse einer türkischen Schule.

Sanabel Marandi bin ich vor etwa acht Jahren in Kahr­amanmaras, einer konservativ geprägten Großstadt in Südanatolien, zum ersten Mal begegnet. Hier hatte die Syrerin, die früher einmal als Lehrerin gearbeitet hatte, nach ihrer Flucht mit eigenem Geld und der Hilfe einiger Freunde eine Schule für Flüchtlinge aus Syrien gegründet. Doch das Exil dauerte länger als erwartet. Die Ersparnisse waren bald aufgebraucht. Gleichzeitig kamen immer mehr Flüchtlinge. 2015 waren es schon vier Gebäude, in denen die Kinder lernten. Dann schritten die lokalen Behörden ein: Die Syrer sollten künftig türkische Schulen besuchen. Denn an eine rasche Rückkehr glaubte jetzt kaum noch jemand.

Heute leitet Sanabel Marandi in Istanbul einen Kindergarten mit Vorschule, wo an fünf Tagen pro Woche mehr als 200 Kinder spielen und toben. Außerdem lernen sie das arabische Alphabet und Lieder aus der alten Heimat. Damit sie später in der Schule nicht zu Außenseitern werden, bringt ihnen eine Lehrerin Tür­kisch bei. Für den Kindergarten wurde eine ehemalige Postschalterhalle im Stadtteil Küçükçekmece umgebaut. Wenn Sanabel Marandi nicht im Kindergarten ist, ver­bringt sie ihre Zeit in dem gemeinnützigen Berufsbil­dungszentren für junge Flüchtlinge, das sie in Istanbul betreibt – bis Ende April 2020 mit Unterstützung von Malteser International. Ursprünglich hatte das Zentrum zwei Standorte in der Stadt. Doch als die Förderung endete und zugleich die Corona-Pandemie die Suche nach neuen Geldgebern erschwerte, musste sie den zweiten Standort schweren Herzens aufgeben. Neben Türkisch, Englisch und Webdesign sind in dem Berufs­bildungszentrum im Stadtteil Fatih besonders Kurse nachgefragt, die auf handwerkliche Tätigkeiten vor­bereiten – von der Handy-Reparatur über die Wartung von Haushaltsgeräten bis hin zum Friseurhandwerk. Für textile Handarbeiten bietet das The-Orient-Face-Ausbildungszentrum verschiedene Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Fast alle Kursteilnehmer sind syri­sche Flüchtlinge.

Diana Al-Shihabi (24) hat den Friseur-Kurs als beste Absolventin abgeschlossen. Da sie ihren Vater früh verloren hat, ist bei ihrer Familie das Geld knapp. Des­halb frisierte sie eine Zeit lang Frauen zu Hause, bis sie genügend gespart hatte. Heute hat sie ihren eige­nen Salon und leitet selbst Kurse. Abdullah Sakhel (29) stammt aus Aleppo, wo sein Vater als Schneider gear­beitet hat. Als Jugendlicher lernte er nähen. Als er mit seinen Eltern in die Türkei floh, fand er eine Anstellung in einer Textilfabrik. Doch nach drei Jahren war er so unglücklich, dass er darüber nachdachte, die Rückkehr nach Aleppo zu riskieren. »Die Arbeit war stupide, nie durfte ich ein Kleidungsstück selbst entwerfen und fertigstellen. Es war eine Fließbandarbeit, immer die gleiche Naht, stundenlang, tagelang.« Dann erzählte ihm ein Freund von den Drei-Monats-Kursen bei The Orient Face. Er schrieb sich ein für einen Schnittmus­ter-Kurs, den er neben der Arbeit besuchen konnte. Sein Abschlussprojekt gewann den ersten Preis. Nach einigen Monaten belegte er den zweiten Kurs: Schnittmuster erstellen am Computer. Heute arbeitet Abdullah Sakhel in der Textilfabrik eines Landsmannes in Istan­bul. Sein Gehalt hat er um ein Viertel steigern können.

Bedingt durch die Corona-Krise mussten sowohl der Kindergarten als auch das Berufsbildungszentrum 2020 mehrfach für einige Wochen schließen. Ausbildungskurse mussten wegen der Ausgangssperre zeit­weise vom Wochenende auf andere Tage verlegt wer­den. Beide Projekte laufen aber weiter. Die Nachfrage nach berufspraktischen Kursen ist sogar gestiegen.

 

Von Anne-Béatrice Clasmann, Vorstand Bildung International e. V.
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

 

Über den Verein Bildung International e. V.

Der gemeinnützige Verein zur Förderung von Bildungsprojekten für Flüchtlinge existiert seit 2014. Er entstand aus einer Initiative von fünf Auslandskorrespondentinnen und Auslandskorrespondenten, die für deutsche Medien in der Türkei, im Iran und in der arabischen Welt tätig waren, und wird ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Die Gründungsmitglieder engagieren sich bis heute in dem Verein (www.bildung-international.org), der aktuell Spenden für den Fackeln-der-Freiheit-Kindergarten und die The-Orient-Face-Berufsbildungszentren in Istanbul sammelt.

Eine klimaneutrale Ballnacht

Auch beim 69. Bundespresseball wurden die CO2-Emissionen des Balls wieder kompensiert. Mit der Unterstützung von ClimatePartner beteiligt sich der Bundespresseball an zwei Klimaschutzprojekten.

Hinter den Kulissen des Bundespresseballs

Nach der Wende gehörte Michael Sorgenfrey zum Opening-Team des Hotels Adlon Kempinski. Nun wirkt er zum dritten Mal am Pariser Platz – diesmal als geschäftsführender Direktor. Ein Porträt.

Wenn es in Berlin einen Ort gibt, an dem die Welt zusammenkommt, dann ist dieser das Brandenburger Tor. Nur einen Steinwurf entfernt führt ein Mann das Hotel Adlon Kempinski, der die Welt gesehen hat. Michael Sorgenfrey ist seit Februar 2020 geschäfts­führender Direktor – und ein bekanntes Gesicht im traditionsreichen Luxushotel. Denn er ist zum dritten Mal im Adlon. »In meinen Zwanzigern gehörte ich nach der Wende als Food & Beverage Operations Manager zum Opening-Team. Damals las ich mich in die Geschichte und die Mythen ein, die dieses Haus seit 1907 erlebt hat. Das Adlon ist seitdem für mich ein magischer Ort«, sagt der 54-Jährige. Für ihn sei es ein Privileg gewesen, mitgestalten zu dürfen: »Ich habe besondere Erinnerungen an diese Zeit, die ich immer in mir tragen werde.« Zum zweiten Mal kehrte Sorgenfrey 2002 für drei Jahre als Hotelmanager ins Adlon zurück. Zwischendurch sah er die Welt, er arbeitete in Luxushotels unter anderem in Thailand, Abu Dhabi, Dubai, der Türkei und Kroatien. Für ihn schließt sich jetzt ein Kreis. Noch heute ist die Lobby Sorgenfreys erklärter Lieblingsplatz. Hier treffe er auf den Berliner, der seine Currywurst mit einem Bierchen genießt, genauso wie auf Stammgäste oder den einen oder anderen Prominenten.

Vom Koch zum Hoteldirektor

Sorgenfreys Karriere begann 1985 als Koch im Kempinski Hotel Atlantic Hamburg. »In der Hotelle­rie gibt es keine Grenze, das war schon damals in der Küche so. Ohne Leidenschaft und einen gewis­sen Idealismus geht es nicht.« Was es für einen solch steilen Aufstieg aber auch braucht: Mentoren. »Mein Vater, mein Ausbildungsdirektor und auch der Adlon-Gründungsdirektor Gianni van Daalen, sie begleiteten meinen Weg.« Der gebürtige Hamburger musste nicht zweimal überlegen, als er gefragt wurde, ob er das Adlon übernehmen möchte. »So eine Aufgabe ist ein­zigartig in meiner Branche, da geht man mit höchstem Respekt, Demut und großer Freude heran.«

Ein Highlight par excellence: der Bundespresseball

Sein dritter Aufenthalt in Berlin lässt Sorgenfrey die Hauptstadt neu entdecken, noch immer befinde sich hier alles im Wandel. Er genieße es, durch den Schlosspark in Charlottenburg zu spazieren. »Aktuell ist der Tiergarten mein Lieblingsplatz. Ich gehe in mei­nem Jogging-Outfit hinten aus dem Adlon hinaus und laufe los. So kann ich perfekt abschalten und komme auf die besten Antworten.« Für Michael Sorgenfrey wird der 69. Bundespresseball sein erster sein. »Für mich ist er ein Highlight par excellence – nicht nur wegen des exklusiven Gästekreises. Auch die Vorbe­reitungen und der Umbau bei uns im Haus sind etwas Besonderes. Und natürlich freue ich mich auch darauf, die Szenerie zu beobachten und mich mit den Men­schen auszutauschen, die ich täglich im Fernsehen sehe.« Was im Gespräch mit Michael Sorgenfrey klar wird: Im Adlon führt ein Mann, der seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt. Und der gleichzeitig für Menschen brennt. Für seine Gäste, Mitarbeiter, die Berliner. Das Adlon ist für ihn mehr als eine weitere exklusive Station im Lebenslauf. Dieses Hotel ist ihm eine Herzensange­legenheit. Es ist eben ein magischer Ort.

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

Die Preisträger des Preises der Bundespressekonferenz

Die Bundespressekonferenz ehrt mit dem Preis der Bundespressekonferenz jährlich herausragende Leistungen im Sinne gelebter Pressefreiheit.

Grenzenlos tanzen

Tanz ist mehr als rechts, links, vor, zurück. Ob im Alter, mit Handicap, als Therapieform oder künstlerisches Stilmittel: Tanz bewegt und eröffnet neue Perspektiven, im Kopf und im Körper. GLANZ im Gespräch mit Menschen, die Grenzen übertanzen.

Tanz bringt uns in andere Denkräume.

»Ich habe schon früh angefangen, Theater zusam­men mit Text und Tanz zu denken. Tanz kann etwas ausdrücken, wo die Sprache nicht hinkommt. Mit Tanz kann man sich verbinden, ohne sich zu berüh­ren – gerade in diesen Zeiten, die geprägt sind von Kontaktsperren, sozialer Distanz und der Angst vor einer Infektion. Mich interessiert, was den körperli­chen Zustand der Menschen beeinflusst. Wie gehen wir als Gesellschaft mit Isolation um, mit Einsamkeit oder Überarbeitung? Tanz in meinen Arbeiten nimmt gesellschaftliche Zustände auf und untersucht, wie sie sich auf die Körper der Menschen auswirken. Diese körperlichen Zustände beeinflussen, wie die Tänzer sich in meinen Stücken bewegen. Sie übertragen das Gefühl des Textes in Bewegung. Musik beeinflusst den Tanz dabei maßgeblich und ist sehr wichtig, schon alleine durch die Frequenzen, die den Körper stimu­lieren. Meine Arbeit ist immer mehrdimensional. Die Zuschauer sollen nicht nur intellektuell, sondern auch emotional angesprochen werden. Tanz bringt uns in einen Zustand, wo wir offener und gelöster sind. Wir kommen auf eine andere körperliche Ebene, wo unser Geist dann auch anders reagiert. So erweitert Tanz immer wieder den Horizont.«

Falk Richter (52) ist ein deutscher Regisseur und Autor. Sein jüngstes Theaterstück, TOUCH, das im Oktober 2020 an den Münchner Kammerspielen Premiere feierte, war das erste unter der neuen Intendantin Barbara Mundel. TOUCH, das unter strengen Corona-Auflagen im Sommer 2020 entstand, thematisiert die Folgen der Pandemie als eine Phase des tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchs.

 

Einfach mal die Diagnose vergessen.

»Tanz ist so fest in meinem Leben verankert, dass ich mir einen Alltag ohne Tanz gar nicht mehr vorstellen kann. Ich habe lange professionell getanzt und an Turnieren teilgenom­men. 2016 habe ich zusammen mit der Stiftung Perspektiven ein Tanzprojekt für Krebspatienten ins Leben gerufen. Für meine Schüler in diesen besonderen Kursen bedeutet Tanzen einfach mal abschalten, an etwas anderes denken als an ihre Erkrankung. Sie erleben Gemein­schaft, fühlen sich wohl und kön­nen sich auf Augenhöhe begeg­nen. Durch diese Arbeit habe ich erst die vielen anderen Facetten des Tanzens kennengelernt. Tan­zen bedeutet Interaktion. Es ist nicht einfach nur bloßer Sport, bei dem man nebeneinander herhüpft. Tanzen ist Kommunikation. Es lebt von Entscheidungen, zum Beispiel ›führen‹ und ›folgen‹. Der Paartanz im Speziellen bedeutet höchstes Ver­trauen. Er bindet das Paar in sich viel mehr. Tanzen kann die Seele heilen und schlechte Gedanken und Erlebnisse vergessen machen. Ganz persönlich würde ich sagen: Tanz war mein Zugang zur Welt und zur Kommunikation mit anderen. Ich bin viel offener und beurteile weniger. Wenn ich tanze, freue ich mich ein­fach an der Bewegung und katego­risiere nicht.«

Tobias Wozniak wurde 1985 in Berlin-Spandau geboren und tanzt, seitdem er 13 Jahre alt ist. Nach einer erfolgreichen Karriere als Profiturniertänzer arbeitet er heute als freier Tanzlehrer in Berlin.

 

Wenn man den Rollstuhl nicht mehr bemerkt, haben wir es geschafft.

»Tanz hat für uns mit Überleben zu tun. Wenn wir mit­einander tanzen, vergessen wir alles um uns herum. Unsere Tanzkarriere war in den vergangenen Jahren immer wieder geprägt von der schweren Erkrankung meines Mannes. Die gemeinsame Bewegung und die Musik haben uns gerade in dieser Zeit geholfen, wieder nach vorne zu blicken. Ob auf dem Kranken­hausflur oder zu Hause: Das Tanzen hat uns gerettet und tut es noch. Es gibt uns die Energie, all die Dinge zu tun, die uns wichtig sind und die das Leben für uns lebenswert machen. Heute sind wir Deutscher Meister im Rollstuhltanz in der Sektion Standard. Wenn man als Zuschauer den Rollstuhl vergisst und ihn gar nicht mehr bemerkt, dann haben wir es geschafft. Tanzen hat ja nicht nur etwas mit den Füßen zu tun. In der Disco hat man auch nicht viel Platz, um Schritte zu machen, aber der Körper bewegt sich. Das ist das Wichtigste: Dass man das, was noch beweglich ist, bewegt. Heute wird unser Leben geführt durch das Tanzen. Wir trainieren dreimal die Woche und arbei­ten mit verschiedenen Trainern. Das Leben muss nicht vorbei sein, wenn man im Rollstuhl sitzt. Wir wollen zeigen, dass man trotzdem am Leben teilhaben und eine Menge Spaß dabei haben kann.«

Andrea Naumann-Clément (60) und Jean-Marc Clément (66) tanzen seit 20 Jahren miteinander. Sie sind amtierende deutsche Meister im Rollstuhltanz in der Sektion Standard.
Jean-Marc Clément ist kurz nach Redaktionsschluss leider verstorben. Die Redaktion hat sich dazu entschieden, den Text unverändert abzudrucken, um an einen herausragenden Tänzer zu erinnern. Unsere aufrichtige Anteilnahme und unser herzliches Beileid gilt seiner Ehefrau und seiner Familie.

 

Tanzen ist unser Lebenselixier.

»Wir haben durch das Tanzen nicht nur viel erlebt, sondern auch die halbe Welt bereist. Damit hatten wir nicht gerechnet, als wir vor 40 Jahren angefangen haben. Damals wollten wir einfach etwas zusammen machen und uns auspowern. Heute ist das Tanzen unser Leben, vor allem Boogie-Woogie hat es uns ganz besonders angetan. Anders als bei klassi­schen Standardtänzen kann man beim Boogie-Woogie improvisieren und die Musik interpretieren. Wir waren durch das Tanzen so viel unterwegs, da haben wir gar nicht bemerkt, dass wir alt geworden sind – vielleicht vom Körper, aber nicht vom Geist. Wir sind durch das Tanzen auch sehr viel mit jungen Leuten zusammen. Natürlich wird man ein bisschen langsamer im Alter. Boogie-Woogie und Rock‘n’Roll sind ja schnelle Tänze. Aber wir versuchen, uns einfach weiter fit zu halten, und trainieren auch heute noch zweimal die Woche. Wenn die Menschen mehr tanzen würden, würde es auf jeden Fall weniger Ärger geben. Tanzen erweitert den Horizont. Es gibt keine Grenzen, wenn man tanzt. Jeder ist Teil der großen Tanzfamilie. Das haben wir auf so vielen Events und Turnieren erlebt. Tanzen hat uns aber auch als Paar immer wieder zusammengebracht. Das hat unserer 52-jährigen Ehe sehr gutgetan.«

Nellia (68) und Dietmar Ehrentraut (74) haben vor 40 Jahren angefangen, miteinander zu tanzen. Ihre Leidenschaft gehört der Musik und dem Tanz der 40er-, 50er- und 60er-Jahre. Ein Video, auf dem sie bei einem Tanzturnier Boogie-Woogie tanzen, wurde bereits millionenfach angesehen.

Von Judith Pfaller
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

„Die Bundespressekonferenz ist die Herzkammer der Pressefreiheit.“

Für das Magazin GLANZ zum Bundespresseball hat unsere Autorin Kira Brück ein Interview mit Mathis Feldhoff, dem Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, geführt.

Er ist seit 30 Jahren TV-Journalist, seit 20 Jahren Mitglied der Bundespressekonferenz – und seit März 2020 ihr Vorsitzender: Mathis Feldhoff. Der 56-Jährige über die Herausforderungen in Pandemiezeiten, Spannungen innerhalb der BPK und warum er über den Eröffnungswalzer am Ballabend noch gar nicht nachdenken mag.

 

Herr Feldhoff, kurz nachdem Sie zum Vorsitzen­den der Bundespressekonferenz gewählt worden waren, veränderte der Lockdown das Leben aller. Ihre ersten Monate in dieser Position hätten Sie sich gewiss anders vorgestellt.

In der Tat. Am 8. März 2020 fand meine Wahl zum Vorsitzenden statt, drei Tage später saß die Kanzlerin in der Bundespressekonferenz und sagte, das mit dem Coronavirus sei jetzt doch eine ernste Sache. Ich dachte: Oh Gott, keine drei Tage im Amt und schon eine Pressekonferenz mit der Kanzlerin – hast du hier überhaupt alles im Griff? Für mich ein einschneidender Moment. Der Saal war zu dem Zeitpunkt noch brechend voll, da war nichts mit Abstand oder Maske. Dass die Veränderungen im Alltag so allumfassend werden würden, ahnte ich nicht. Und mein erstes Jahr im Amt wurde dann auch sehr anstrengend.

Inwiefern?

Wir mussten wegen Covid-19 die Frage beantworten, ob die Bundespressekonferenz überhaupt stattfindet. Ein Novum! Zum allerersten Mal in unserer Geschichte mussten wir die Anzahl der Gäste reduzieren – nicht alle Ministerien kamen regelmäßig in die BPK, nur jeder dritte Platz im Saal wurde besetzt, wir brauchten ein Hygienekonzept. Die Informationen dazu bekamen wir von Virologen ja oft aus erster Hand.

Was war die größte Herausforderung für Sie?

Erstens die Frage zu beantworten, wer teilnehmen darf und wer nicht – das musste alles besprochen und entschieden werden. Jeder in unserer Berufs­gruppe hat seine eigenen Bedürfnisse und Interes­sen. Ein Beispiel: Die wenigsten Fotografinnen und Fotografen sind fest angestellt. Wenn der Zugang zu Fotomöglichkeiten beschränkt wird, kappen wir deren Einkommensmöglichkeit. Dafür mussten wir einen fairen Umgang finden.

Zweitens war es für mich schwer hinzunehmen, dass wir den Zugang zu einer Veranstaltung begrenzen mussten, die die einzig wirklich umfassende Plattform war, auf der sich die Menschen tagesaktuell über das Pandemiegeschehen informieren konnten. Wir überlegten fieberhaft, was wir tun konnten – und haben Live-Übertragungen zugelassen.

Bisher gab es einen solchen Stream nur für Mitglieder der Bundespressekonferenz.

Richtig. Mit Beginn der Pandemie gab es den Wunsch, dass die wichtigen Pressekonferenzen der Kanzlerin, des Gesundheitsministers und der Regierung live übertragen werden, weil viele wichtige Informationen zum praktischen Leben gegeben wurden.

Lehnten Sie Live-Übertragungen vorher ab?

Wir wollten die Bundespressekonferenz immer in Präsenz abhalten, weil wir der festen Überzeugung sind, dass aus dem Gegenüber von Korresponden­tinnen und Korrespondenten und Gästen – aus der Frage und Nachfrage – eine besondere Situation entsteht. Was in vielen Bundesländern am Anfang der Pandemie passiert ist, nämlich dass Pressekonferenzen von Landesregierungen nur noch virtuell stattfanden und vorher eingereichte Fragen, die nicht so harmonisch waren, nach unten in den Stapel wanderten, wollten wir unbe­dingt vermeiden. Jedes Mitglied, das zu uns kommt, kann seine Frage und auch Nachfrage an die Regierung stellen. Das haben wir bis heute durchgehalten. Und für uns ist die BPK ein Arbeitsinstrument, in der unsere Mitglieder der Regierung Fragen stellen. Sie ist kein Event – deshalb sind wir mit Live-Übertragungen zurückhaltend.

Was sind für Sie die besten Momente als Vorsitzender?

Wenn Mitglieder auf mich zukommen und sagen: Ihr macht einen prima Job, ihr haltet den Laden zusammen. Den Verein zusammenhalten, das war für mich in meinem ersten Jahr als Vorsitzender tatsächlich das Wichtigste. Es gab ja nicht nur die Pandemie, wir hatten zum ersten Mal seit Jahren die Situation, dass Medien über Medien in der Bundespressekonferenz berichteten. Es gab Debatten über die Berichterstattung einzelner Kollegen, sogar einen offenen Brief. Die Bundes­pressekonferenz ist die Herzkammer der Pressefreiheit – insofern ist unser Meinungskorridor sehr breit. Die beiden betreffenden Medien sind mit ihrer Berichterstattung manchmal am Rande dessen, was manche unserer Mitglieder aushalten können oder wollen. Sie haben das Gefühl, dass ein Klima von Unsolidarität und des gegenseitigen Misstrauens in die Gesellschaft hinausgetragen wird. Es gehört aber zur Pressefreiheit, eine solche Berichterstattung auszuhalten, so sie nicht grob verleumderisch ist. Ich kann trotzdem verstehen, dass sie ihren Unmut öffentlich sagen und einen Brief schreiben wollten.

Wie sind Sie mit diesen Spannungen umgegangen?

Wir mischen uns eigentlich nie in die Berichterstat­tung unserer Mitglieder ein. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, schließlich sind wir nicht ihr Zensor. Ganz im Gegenteil, unsere Toleranz gegenüber dem, was unsere Kolleginnen und Kollegen berichten, ist groß – muss groß sein. Ich habe viel mit Mitgliedern über ihre Arbeit und darüber, was sie auslöst, gesprochen. Und ich habe für Verständ­nis geworben, dass wir ein gemeinsamer Verein sind. Unsere Zusammenarbeit ist auf Respekt und Solidarität begründet. Das habe ich immer wieder versucht klarzumachen.

Wie steht es eigentlich um Ihre Beziehung zum Bundespresseball?

Ich fand die Bälle immer toll. Seit über 20 Jahren, also seitdem ich Mitglied der Bundespressekonferenz bin, war ich dabei. Ich mag dieses Gefühl eines Klassentreffens in einem sehr feinen, exklusiven, aber am Ende doch ungezwungenen Rahmen. Jeder kann mit jedem reden, das macht diesen Abend so besonders. Und der Ball ist halt auch eine große Party.

Wo traf man Sie an, als Sie noch nicht Mitglied des Vorstands waren?

Immer auf den Gängen, immer beim Reden und Gucken. Im Adlon geht das perfekt: Du gehst einen Gang entlang und triffst auf jemanden, den du lange nicht gesehen hast, ihr bleibt stehen, ein Gespräch beginnt. Einfach großartig! In den vergangenen fünf Jahren war ich als Mitglied des Vorstands Gastgeber am Tisch eines Bundesministers oder einer Bundesministerin. Auch eine tolle Erfahrung, das ist immer eine bunte Mischung an den Tischen mit interessanten Begegnungen und Unterhaltungen.

Zum Schluss: Was sind Ihre Hoffnungen für die Bundespressekonferenz?

Für den Ball hoffe ich, dass er wieder in gewohnter Weise gefeiert werden kann.

Die Bundespressekonferenz hat in ihren 70 Jahren mehrere Stürme und auch heftigere Auseinandersetzungen erlebt, als wir sie jetzt hatten. Das Gegeneinander von Journalistinnen und Journalisten in der Zeit des Kalten Krieges in Bonn war deutlich schwieriger und herausfordernder. Wir werden da gut durchkommen und als Verein wachsen, da bin ich mir sicher.

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

So einfach geht Klimaschutz im Alltag

Auch der 69. Bundespresseball ist klimaneutral. Klimaschutz im Alltag kann aber manchmal etwas unübersichtlich sein. Wir haben zehn einfache Tipps zusammengefasst.

Ballimpressionen

Durch die Ballnacht mit Florian Kohler von GMUND Papier

Seine Papierfabrik am Tegernsee beliefert nicht nur internationale Unternehmen – auch das Papier des Bundespresseballs kommt von Gmund Papier. Inhaber und Geschäftsführer Florian Kohler, 59, ist ökologischer Papiermacher aus Überzeugung, Visionär – und ein großer Freund des Bundespresseballs. Mit GLANZ ließ er seine Ballnacht 2019 Revue passieren.

Der Eröffnungswalzer

»Meine Frau und ich haben mit großer Freude den Eröffnungswalzer getanzt. Er ist einer der großen Momente dieser Ballnacht. Der intensivste Tänzer bin ich allerdings nicht, meine Schuhe kann ich problemlos ohne Blasen an den Füßen am nächsten Tag wieder anziehen. Irina und ich sind auf dem Parkett ein ein­gespieltes Team, wobei meine Frau mehr, besser und lieber tanzt als ich. Disco ist nicht so meins, mit Füh­rung tanzen entspricht mir hingegen viel mehr.«

Der Gmund-Stand

»Die Besucher unseres Stands waren überrascht: War da wirklich eine Hanfpflanze abgebildet? Ja! Man kann jetzt nämlich aus Hanffasern Papier machen. Es ist ein Irrglaube, dass alles, was umweltfreundlich ist, nicht gleichzeitig schön sein kann. Wir haben ein Ver­fahren entwickelt, um das erste Hanfpapier der Welt herstellen zu können. Aufgrund der Stärke der Faser ist die Papierproduktion mit Hanf sehr herausfordernd. Uns ist dies gelungen und das Ergebnis ist sehr natür­lich und widerstandsfähig. Es macht enormen Spaß, so ein Naturprodukt in den Händen zu halten.«

Der Austausch

»Bundespräsident Steinmeier und Claudia Roth mach­ten an unserem Stand halt. Auch mit Volker Bouffier wechselte ich ein paar Worte. Ich versuche, interes­sante Menschen zu treffen und politisch reinzuhören – und auch mal meine Meinung kundzutun. Ich spreche in der Ballnacht auch viel mit Firmen, denn unsere Hauptaufgabe bei Gmund Papier ist es, nachhaltige Verpackungen, Broschüren und Geschäftsberichte zu entwickeln. Hier kann ich gute Kontakte knüpfen und eruieren, wie ernst es den Entscheidern mit der Nach­haltigkeit ist.«

Die Fragen stellte Kira Brück.
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

Die Verwandlung

Für den Bundespresseball wird fast das gesamte Hotel Adlon Kempinski umgebaut – eine logistische Meisterleistung. Spätestens wenn mitten in der Nacht die Möbelwagen vorfahren, bricht es bei den Mitarbeitern des Hotels aus: das Bundespresseball-Fieber.

Ähnlich einer Theaterkulisse werden alle öffentlichen Räume komplett verwandelt. Strippenzieher sind Hotelmanager Carsten Seubert und sein Kernteam. Für den 39-Jährigen geht es nach jedem Bundespresseball in die Planung für den nächsten. Die heiße Phase beginnt zwei Tage vor der Veranstaltung. Nämlich dann, wenn das komplette Hotel ballfein gemacht wird. »Wir planen minutiös, denn die Verwandlung passiert im laufenden Betrieb. Schließlich müssen wir für unsere Gäste, die nicht am Ball teilnehmen, alternative Locations schaffen, in denen sie ihren Kaffee trinken können«, sagt Carsten Seubert. 100 Mitarbeiter sind in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit dem Umbau beschäftigt. Konkret sieht das so aus: Möbel in die Umzugswagen, um Platz zu machen für die verschiedenen Gewerke der Eventagentur Kaluza + Schmid, die bereits seit 2004 für das komplette Balldesign verantwortlich ist. Viel Zeit bleibt nicht: Am Freitagmittag kommen die Sicherheitsbeamten des Bundeskriminalamtes zur Abnahme. Die Feuerwehr prüft die Fluchtwege, Hunde laufen das gesamte Hotel ab.

Auch während des Balls pausiert die Verwandlung nicht. Weil am nächsten Morgen die Gäste ihr Frühstück in der Bel Étage einnehmen werden und die Lobby für das Tagesgeschäft wieder herausgeputzt sein muss, werden die Ballkulissen abgebaut, während viele Gäste erst mit dem Tanzen beginnen. Gegen zwei Uhr nachts zieht dann die Garderobe mit ihren rund 2.000 Kleidungsstücken in den Wintergarten um. Für die Ballgäste ist der vordere Bereich des Adlon dann nicht mehr zugänglich. Hier heißt es: Bars, Roter Teppich, Pressewände raus, reinigen, Möbel wieder aufstellen. Ganz so, als wäre nichts gewesen. »Mit extremen Umbauten sind wir erfahren wie vielleicht kein anderes Hotel. Vor allem der Bundespresseball sprengt alle Dimensionen, weil wirklich das komplette Hotel vereinnahmt wird. Das macht dann aber auch die besondere Atmosphäre einer Ballnacht aus«, sagt Carsten Seubert.

Es sei eben nicht egal, wo der Ball stattfinde. Das Adlon sei schließlich als Nummer eins am Platz gebaut worden. »Noch heute ist unser Anspruch, das beste Hotel Berlins zu sein. Das sollen die Gäste in Bezug auf Kulinarik und Service spüren«, sagt der Hotelmanager. Er selbst liebe die Stimmung kurz vor dem Ball. Alle 460 Mitarbeiter sind mit Begeisterung dabei – auch Kollegen aus der Verwaltung unterstützen das Adlon-Team am Ballabend, zum Beispiel an der Bar. Es ist das Bundespresseball-Fieber! Für jeden seiner Mitarbeiter sei es etwas ganz Besonderes, diese Nacht mitzuerleben. Vielleicht auch, weil ihr Hotel sich dann völlig verwandelt hat.

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2019

Wie gut kennen Sie die Bundespressekonferenz?

Testen Sie Ihr Wissen aus 70 Jahren Bundespressekonferenz! Entdecken Sie dabei überraschende Fakten, interessante Anekdoten und einen Witz des Bundeskanzlers...
(Foto: Bundesregierung/Ludwig Wegmann 1988)

QUIZFRAGEN

  1. Gegründet wurde die BPK in Bonn am 11. Oktober 1949. Welcher deutsche Journalist und ehemalige Offizier übernahm als erster den Vorsitz?

    a) Irnfried Freiherr von Wechmar
    b) Dr. Karl Lohmann
    c) Dr. Franz Rodens

  2. Pressekonferenz mit dem Bundeskanzler, der auf die Frage nach den letzten Wahlen mit einem Witz antwortet: „Hein fragt den Fietje: ‚Wat hest Du denn wählt Sündag?‘ Sagt Fietje: ‚Weest Du, ick hev CDU ’wählt. Man müt den mal een op’n Deckel gebn.‘ Da fragt Fietje den Hein: ‚Wat hest denn Du ’wählt?‘ ‚Ick hev SPD ’wählt.‘ Darauf Fietje: ‚Ach, Du werst dat‘.“ Wer sorgte laut Protokoll für Heiterkeit im Saal?

    a) Willy Brandt
    b) Helmut Schmidt
    c) Gerhard Schröder

  3. Unverwechselbar und für viele ein Markenzeichen der alten BRD: Das war die Wand im Saal der BPK im Pressehaus in Bonn. Aus welchem edlen Holz waren die quadratischen Paneele gemacht?

    a) Mahagoni
    b) Ebenholz
    c) Palisander

  4. Wie viele Frauen standen an der Spitze der Bundespressekonferenz?

    a) 0
    b) 1
    c) 3

  5. Die Pressekonferenz welches Bundeskanzlers war die längste Kanzler-PK in der Geschichte der BPK?

    a) Konrad Adenauer
    b) Gerhard Schröder
    c) Helmut Kohl

  6. Das Pressehaus in Bonn, in dem bis zum Umzug der BPK 1999 nach Berlin rund 10.000 Pressekonferenzen stattfanden, ist bis heute Teil eines bekannten Gebäudeensembles im ehemaligen Bonner Bundesviertel. Es liegt im …

    a) Rosarium
    b) Tulpenfeld
    c) Dahlienrondell

 

Erschienen in der Ballfibel GLORIA, November 2019
Hier finden Sie die ausführliche Auflösung des Quiz, inklusive weiterer Informationen zu den einzelnen Fragen.

Die Bundespressekonferenz im Wandel der Zeit

Jung und frisch und siebzig:
Ein Text zum 70-jährigen Bestehen der Bundespressekonferenz.

Als wir im Mai (2019) 70 Jahre Grundgesetz zum Anlass nahmen, die freiheitlichste Verfassung auf deutschem Boden zu analysieren, und die wesentlichen Elemente herausarbeiteten, die Deutschland eine derart stabile Demokratie gebracht haben, da spielte Artikel 5 mit der garantierten Meinung und Pressefreiheit neben der Menschenwürde und der Gleichheit vor dem Gesetz eine herausragende Rolle.

Das Gelingen dieser deutschen Demokratie hängt auch und vor allem damit zusammen, dass die Vorgaben dieser Verfassung immer wieder mit Leben gefüllt worden sind. In besonderer Weise gilt das für Artikel 5 und die Bundespressekonferenz. Diese weltweit einmalige Institution ist wiederholt und sehr zu Recht als »gelebte Pressefreiheit« bezeichnet worden.

Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung (hinten Mitte), und Sprecherinnen und Sprecher der Ministerien bei einer Regierungspressekonferenz für Bürgerinnen und Bürger 2018. Die Pressekonferenz leitet BPK-Vorstandsmitglied Tim Szent-Iványi (rechts neben Steffen Seibert). (Bundesregierung/Henning Schacht 2018)

Wir Hauptstadtkorrespondenten haben uns vor 70 Jahren in Bonn zusammengeschlossen, um selbst Pressekonferenzen zu veranstalten, selbst die Regeln zu bestimmen und allen Mitgliedern dieselben Möglichkeiten zu geben, an Informationen zu kommen. Vielleicht wird das Besondere dieser Entscheidung noch deutlicher, wenn wir die weltweit gängige Praxis mit Fragen skizzieren. Warum ist es als Teil der Pressefreiheit überall akzeptiert, dass allein die Regierung entscheidet, ob sie eine Pressekonferenz abhält, wann sie sie macht, wen sie dazu einlädt, wem sie das Fragerecht einräumt, wer bei Nichtbeantworten Nachfragen stellen darf und wann die Pressekonferenz zu Ende ist? Diese sechs Umstände bilden sozusagen eine Einladung, im Zweifel keine Pressekonferenz auszurichten, wenn die Lage ungünstig ist, Journalisten »zufällig« nicht einzuladen oder ihre Wortmeldungen zu übersehen, wenn sie unangenehme Fragen haben könnten, auf Nachfragen dann schon gar nicht einzugehen und die Pressekonferenz zu beenden, wenn die Lage sich ungünstig entwickelt.

(Foto rechts: Pressekonferenz im Saal der Bundespressekonferenz im Tulpenfeld in Bonn: (Hinten an den Mikrofonen von links:) Regierungssprecher Klaus Bölling, Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ernst Ney, Vorsitzender der Bundespressekonferenz. (Bundesregierung/Detlef Gräfingholt 1979))

Dass es bei uns vor 70 Jahren gänzlich anders und mit fortwirkendem Erfolg auf die Schiene gesetzt werden konnte, hat vor allem mit drei Besonderheiten zu tun.
Erstens: In Deutschland gab es bereits Erfahrung mit selbst organisierten Pressekonferenzen; noch in den letzten Tagen des Kaiserreiches hatten unsere Vorgänger das auf den Weg gebracht, und die Berliner Pressekonferenz hatte die gesamte Weimarer Republik über funktioniert, bis sie von den Nationalsozialisten zweckentfremdet wurde. Zweitens: Es war ein Neuanfang in Bonn; als die Korrespondenten an die Gründung der Bundespressekonferenz gingen, gab es noch kein Bundespresseamt. Die Kollegen wussten, dass sie es selbst in die Hand nehmen mussten, wenn sie schnell an präzise Informationen kommen wollten.

Und drittens kam es unserem ersten Gast, Bundeskanzler Konrad Adenauer, sehr entgegen, dass er einen Vorwand hatte, seine Absichten zuerst den Hauptstadtkorrespondenten darzulegen und sich nicht den Erwartungen der Hohen Kommissare zu fügen. Deutschland war nicht vollständig souverän, aber Adenauer, der »alte Fuchs«, erkannte sofort, wie wichtig die BPK für ihn war, um in aller Öffentlichkeit seine Unabhängigkeit klar zu machen. Die Alliierten wollten doch Pressefreiheit in Deutschland, konnte Adenauer argumentieren. Und das bedeute doch, dass die Presse die Freiheit haben müsse, selbst zu Pressekonferenzen einzuladen, und da könne er ja unmöglich bestimmen, welche Fragen gestellt werden, und habe eben alle zu beantworten.

Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) mit Regierungssprecher Karl-Günther von Hase bei einer Bundespressekonferenz nach seiner Rückkehr aus Paris. Einen Tag zuvor, am 22. Januar 1963, haben Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den Elysée-Vertrag in Paris unterzeichnet. (Bundesregierung/Ludwig Wegmann 1963)

Über die Kanzlerbesuche und die regelmäßigen Pressekonferenzen mit dem Regierungssprecher entwickelte sich sehr schnell die Praxis, dass sich mit ihm die Sprecher aller Ministerien drei Mal in der Woche allen unseren Fragen stellen. Auch diese Tradition, die uns weltweit einmalig macht, geht nun ins siebte Jahrzehnt. Beinahe ebenso alt ist unser Bundespresseball, mit dem wir seit den frühen 50er-Jahren einmal im Jahr unseren Gästen Danke sagen dafür, dass sie an der gelebten Pressefreiheit mitwirken und sich übers Jahr so manches Mal von uns »grillen« lassen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz in der BPK (von links nach rechts: Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung, Angela Merkel, Gregor Mayntz, Vorstandsvorsitzender der Bundespressekonferenz). (Bundesregierung/Felix Zahn 2018)

Neben diesem Kerngeschäft pflegen wir die Einladung an Minister, Parteien, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft, Kirchen, NGOs und viele andere, die für die politische Berichterstattung über die Bundespolitik wichtig sind. Wir passen das alles mit Augenmaß dem Wandel in Politik, Medien und Gesellschaft an. Wir tun das behutsam, machen nicht jede Modewelle mit, damit wir uns nicht mit ihr schnell überleben und wie von gestern erscheinen. Aber wir stehen fest zu unseren Prinzipien, die auf diese Weise jung und frisch bleiben, sodass uns viele Kollegen rund um den Globus darum beneiden. Deswegen haben wir allen Grund, beim Bundespresseball auch mal auf unseren runden Geburtstag anzustoßen.

Von Dr. Gregor Mayntz,
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2019

Danksagung
Wir danken der Bundesbildstelle des Presse- und Informationsamtes für die Bereitstellung der hier gezeigten Aufnahmen.

Über den Autor
Dr. Gregor Mayntz war von März 2011 bis März 2020 Vorsitzender der Bundespressekonferenz. Der Journalist berichtet als Parlamentskorrespondent für die Rheinische Post.

Mühsamer Anfang in Bonn

Als die Bundespressekonferenz gerade erst gegründet wurde, Unterkünfte für Journalisten rar und Informationen schwer zu beschaffen waren.
(Foto: Bundesregierung/Ludwig Wegmann 1963)

Am Freitag, dem 23. September 1949, kommt der 20-jährige Jürgen Lorenz nach Bonn. Eine Woche zuvor hat die erste Regierung Adenauer ihre Arbeit aufgenommen. Für den Deutschen Zeitungsdienst, der bundesweit Heimatzeitungen beliefert, soll er aus der vorläufigen Bundeshauptstadt Berichte und Kommentare schreiben. Doch vorher gilt es unerwartete Hindernisse zu überwinden, wie Lorenz sich später erinnert: »Einzug in eine der gerade aufgestellten Pressebaracken. Mit Schreibmaschine, Koffer und US-Klappfeldbett. Darf in diesem Zimmer laut Verlagserlaubnis auch wohnen. Mein Salär (300 DM inklusive Spesen) reicht nicht für eine eigene Bude.«

Als er gerade Anzüge, Wäsche und Liege im Aktenschrank zu verstauen versuchte, wollte ihm ein britischer Kollege sein neues Büro streitig machen, mit der barschen Aufforderung: »Get out of my office!«. Zum Glück für Lorenz lag ein Missverständnis vor, das rasch aufgeklärt werden konnte. Doch bevor er sich von seinem Schrecken erholen konnte, erreichte ihn auch schon der erste Auftrag aus seiner Zentrale, ein Kurzkommentar zum Regierungsbeschluss vom Vormittag. Weil er davon keine Ahnung hatte, klopfte er kurz entschlossen bei seinem Büronachbarn an: »Der, obwohl selbst in Druck, erteilte mir Nachhilfeunterricht. Hab’ das dann einfach aufgeschrieben. Mein erstes Werk als Korrespondent…«, so Lorenz später.

Gleich an seinem ersten Tag als Korrespondent hatte er schon die brisanten Probleme der Anfangszeit hautnah erfahren – die Raumnot, die Schwierigkeit, an Informationen zu kommen, und das Verhältnis der Journalisten untereinander.

Kameraleute und Fotografen vor dem Kurhaus während des Staatsbesuchs des französischen Staatspräsidenten (Bundesregierung/Simon Müller 1958).

500 Journalisten aus aller Welt wollten ab Sommer 1949 aus Bonn berichten, es waren aber nur 80 Räume zu vergeben. Und das auch nur, weil man in Bonn schon vorsorglich Bürobaracken gebaut hatte, obwohl die Entscheidung zwischen Frankfurt und Bonn noch gar nicht gefallen war. Mancher Bericht und viele Kommentare entstanden damals im Restaurant, auf den Gängen und in der Lobby des Bundeshauses. Dort arbeitete man oft Seite an Seite mit den Abgeordneten, von denen viele anfangs auch ohne eigenes Büro auskommen mussten.

Ähnlich die Wohnmöglichkeiten im stark ausgebombten Bonn: Zimmer in Hotels und Pensionen waren rar und für die meisten zu teuer, die noch vorhandenen Wohnungen überbelegt. Wer Glück hatte, konnte als Untermieter »möbliert wohnen«. Für manchen hieß das, nachts auf dem Wohnzimmersofa zu schlafen. Fides Krause-Brewer, später langjährige ZDF-Korrespondentin, und ihr Mann, damals Mineralöl-Lobbyist, wohnten anfangs so beengt, dass ihre kleine Tochter noch ein Jahr bei der Oma in Bayern bleiben musste, bis sich in Bonn eine größere Wohnung fand.

Beschwerlich auch die Suche nach Informationen. Deshalb besannen sich die berufserfahrenen Korrespondenten auf die Praxis in der Weimarer Republik. Nach dem ersten Weltkrieg hatten sich Journalisten der bedeutenden Tageszeitungen in der Berliner Pressekonferenz zusammengeschlossen, um Politiker, Regierungsbeamte und andere Repräsentanten, von denen Informationen mit Nachrichtenwert zu erwarten waren, unter eigener Regie befragen zu können.

In dieser Tradition hatten sich bereits 1948 die Korrespondenten in Frankfurt bei der dortigen Wirtschaftsverwaltung für die Westzonen organisiert. Als die Aufgaben dieses Wirtschaftsrats ein Jahr später auf das neue Bundeswirtschaftsministerium in Bonn übergingen, wechselten auch die meisten Berichterstatter an den Rhein – und beförderten die Gründung der Bundespressekonferenz (BPK).

Bei der Premiere am 11. Oktober 1949 stand neben Wirtschaftsminister Erhard auch Kanzler Adenauer höchstpersönlich den Journalisten Rede und Antwort. Dass er ein schwieriges Verhältnis zur Presse hatte, machte er schon bei der Begrüßung deutlich. Die Journalisten betrieben viel zu viel »Nachrichtenjägerei«, beklagte er. Als der amtierende Vorsitzende versicherte, »Wahrheit werde die oberste Richtschnur« der BPK sein, reagierte Adenauer mit dem skeptischen Zwischenruf «Na, na!«. Die Journalisten hatten es mit einem Kanzler zu tun, der sich als Regierungssprecher »einen demokratischen Goebbels« wünschte, wie der Bonner »Hofchronist« Walter Henkels berichtet. Und der CDU-Vorsitzende Adenauer bedauerte es wiederholt, keine schlagkräftigen Parteizeitungen zu haben wie noch in den 20er Jahren. Sein ältester Sohn Konrad sprach später davon, »dass mein Vater allen Ernstes hoffte und glaubte, die deutsche Wirtschaft würde ihm zu seinem 80. Geburtstag eine Zeitung schenken.«

So prominent die erste BPK mit Kanzler und Vizekanzler auch besetzt war, so dauerte es noch einige Jahre, bis die Pressekonferenzen regelmäßig dreimal die Woche mit Sprechern der Regierung und aller Ministerien stattfanden. Selbst die nach Kabinettsitzungen mit Spannung erwartete Pressekonferenz wurde zeitweise durch ein kurzes Kommuniqué ersetzt. Es sei für die Regierungsvertreter »körperlich zu anstrengend«, unmittelbar nach der Kabinettsitzung vor den Journalisten zu erscheinen, ließ das Presseamt 1951 verlauten.

Von Beginn an konnten in Bonn alle deutschen Korrespondenten, die hauptberuflich über Bundespolitik berichten, Mitglied in der BPK werden. Ebenso hatten und haben ihre ausländischen Kollegen Teilnahme- und Fragerecht. Alles, was dort gesagt wird, ist öffentlich, für jeden Hauptstadtkorrespondenten verwendbar. »Wir sind doch kein exklusiver Club« – dieses Zitat eines ehemaligen BPK-Vorsitzenden wählte Gunnar Krüger 2005 deshalb auch als Titel für sein Buch über die Gründungsgeschichte der BPK.

Den Wunsch, einen exklusiven Club zu gründen, gab es Anfang der 50er Jahre allerdings auch, sowohl bei vielen älteren, namhaften Korrespondenten, als auch in der Politik, vor allem bei Adenauer und seinem Staatssekretär Lenz. Deshalb war man bereit, ein Clubhaus bereit zu stellen und bei der gastronomischen Versorgung zu helfen. Hier konnten die Politiker hinter verschlossenen Türen im offenen Gespräch ihre Positionen erläutern – bei strikter Vertraulichkeit und ohne ausländische Journalisten dabei zu haben. Letztere standen im Ruf, auch vertrauliche Informationen gleich an die damals noch einflussreichen Hohen Kommissare der Siegermächte weiterzugeben.

1952 war es dann soweit, der »Deutsche Presseclub« wurde von sieben Gründungsmitgliedern aus der Taufe gehoben, trotz scharfen Protests der Ausländer. Viele deutsche Korrespondenten kritisierten den neuen Club ebenfalls, wegen der Subventionen von Regierungsseite, aber auch wegen seiner Exklusivität, sprich: Aufnahme nur bei Zweidrittel-Zustimmung der Mitglieder. Der Presseclub gilt bis heute als größter Hintergrundkreis in der Bundeshauptstadt. Sowohl die hohen Aufnahmehürden, als auch die Subventionen samt Clubhaus sind allerdings längst Vergangenheit.

Bundeskanzler Ludwig Erhard (M. von hinten) während einer Ansprache auf einem Empfang für den Presseclub im Palais Schaumburg (Bundesarchiv/ Gerhard Heisler 1963).

Aber nicht nur im Presseclub und in der Bundespressekonferenz, auch in vielen kleineren Kreisen wurde von Anfang an Neues und Wissenswertes geboten. Adenauer selbst ließ von ihm geschätzte Journalisten von 1950 an zu Teegesprächen ins Kanzleramt einladen. Von den Kneipenrunden, zu denen sich Politiker und Journalisten trafen, soll der »Wicküler-Stoßtrupp« des späteren Verteidigungs- und Arbeitsministers Blank der informationsreichste gewesen sein.

Auf der täglichen Nachrichtensuche in der Anfangszeit tauchten die Korrespondenten zwischen zehn und elf Uhr morgens vor oder in der Lobby des Bundeshauses auf. Danach streifte man durch Flure und Büros auf der weiteren Suche nach Informationen. Angesteuert wurde dabei auch immer der lange Pressetisch im Bundestagsrestaurant, an dem sich Journalisten mit Abgeordneten trafen, auch Adenauer kam oftmals vorbei. Dort hatte aber auch Bernard Lescrinier seinen Platz, ein Unikum im frühen Bonner Pressecorps. Ab 1929 bei der amerikanischen Agentur UP in Berlin beschäftigt, mehr als Nachrichtenbeschaffer denn als Schreiber, gehörte er zu den wenigen Deutschen, die auch während der Nazi-Jahre für ausländische Medien arbeiten durften.

Nach dem Krieg, am Rande des Parlamentarischen Rats, entwickelte sich zwischen ihm und Adenauer ein Frotzel-Verhältnis (»Wir sind doch beide mal Messdiener gewesen.«) Der gebürtige Godesberger habe sich als einziger Journalist getraut, Adenauer auch zuhause in Rhöndorf anzurufen, »sogar nachts, wenn es denn sein musste«, heißt es in den Memoiren seines damaliger UP-Kollegen und späteren Regierungssprechers Rüdiger von Wechmar. Überliefert sind aber auch heftige, ironische Wortgefechte mit dem Kanzler. Auf die Frage, warum Adenauer ausgerechnet alte Wehrmachtsgeneräle wieder einstellen wolle, antwortete der, er könne die Bundeswehr schließlich nicht von Gewerkschaftssekretären aufbauen lassen.

»Mehr als den Krieg verlieren, Herr Bundeskanzler, können die allerdings auch nicht«, zitiert Walter Henkels die prompte Reaktion Lescriniers. Gelächter bei den Pressekollegen, Adenauer verschlug es kurz die Sprache, was bei dem schlagfertigen Rheinländer selten vorkam.

Von Werner Gößling
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2016

Danksagung
Wir danken der Bundesbildstelle des Presse- und Informationsamtes für die Bereitstellung der hier gezeigten Aufnahmen.

Über den Autor
Werner Gößling ist seit 1977 Mitglied der Bundespressekonferenz. Insgesamt acht Jahre – von 2003 bis 2011 – war der ehemalige ZDF-Korrespondent Vorsitzender der Bundespressekonferenz.

Faszination Ballkultur

Seit Jahrhunderten gilt ein Ball als Höhepunkt des gesellschaftlichen Kalenders. Doch seit wann treffen wir uns überhaupt zum festlich organisierten Tanz? Und was fasziniert uns heute an ihm?
(Foto: Maskenball im Spiegelsaal von Versailles, picture-alliance/maxppp)

Es gab eine Zeit, da wurde in Tanzlehrbüchern davor gewarnt, bestimmte Bälle zu besuchen. Tatsache! Die gesundheitlichen Folgen übertriebenen Tanzens könnten nämlich lebensgefährlich sein: Wer sich im schnellen Walzer durch den Raum dreht oder gar den noch schnelleren Galopp tanzt, riskiere zu überhitzen. Daraus folge schnell eine Erkältung, dann eine Lungenentzündung und schließlich der Tod. Im 18. und auch im 19. Jahrhundert war ein Ballbesuch also nicht immer ein Vergnügen, sondern eine Verpflichtung der höfischen Gesellschaft gegenüber dem Herrscher. Wer schwänzte, musste einen Verlust an Ansprüchen in Kauf nehmen. Also erschien man besser. Von einem entspannten Abend konnte aber keine Rede sein: »In den Ballsälen war die Luft schlecht, die Damen sind häufig in Ohnmacht gefallen. Dazu keine adäquaten Tanzböden und unbequeme Schuhe«, sagt Monika Fink, Professorin am Musikwissenschaftlichen Institut der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck. Die Expertin forscht seit Jahrzehnten zur Kulturgeschichte des Gesellschaftstanzes. »Das festlich organisierte Tanzen in Form von Bällen ist seit Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Aber die eigentliche zeremonielle Ballkultur entstand ganz eindeutig mit Ludwig XIV. in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts. Da hat sich am Hof von Versailles mit Prestigecharakter und Zeremoniell genau das herausgebildet, was in den folgenden Jahrhunderten die Ballkultur ausmachen sollte«, erklärt Monika Fink.

Am Hof von Versailles ging es also los mit der Demonstration von Macht und Prunk. Tanz als Abbildung von Herrschaftsstruktur. Von wegen lässig das Tanzbein schwingen! Die Tänze waren formal geregelt. Es stand strikt fest, wer mit wem wann welchen Tanz tanzt. Und diese Tänze waren immer vorwärts gerichtet – auf das Herrscherpaar zu. Logisch, dass die Ballsäle deshalb rechteckig angelegt waren. »Erst später, als in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts die Rundtänze aufkamen, wurden die französischen Barocktänze langsam in den Hintergrund gedrängt und die Ballsäle quadratisch. Tänze sind immer ein Abbild der Gesellschaft – und das war ein geradezu demokratischer Moment«, sagt Monika Fink.

In Österreich gibt es noch heute eine in der Ballsaison ausgefeilte Ballkultur. »Die Liebe der Österreicher zum Ball kam mit dem Wiener Opernball. Der wurde eigentlich nicht in Wien, sondern in Paris erfunden«, weiß Monika Fink. Dort fanden bereits im 18. Jahrhundert erste ungezügelte Maskenbälle an der Oper statt. Den Wiener Opernball gibt es erst seit 1935. Er war prägend für eine ganze Nation – und wird noch heuteweltweit kopiert. Er enthält alles, was die Ballkultur ausmacht: Zeremonienmeister und Ballordnung, große Roben, Einzug der Debütanten, Walzer, die Einbeziehung der Künstler und eine Mitternachtseinlage.

Auch in Deutschland konnte die europäische Ballkultur bis heute überleben. Der Bundespresseball, der Frankfurter Opernball und der Semperopernball sind drei populäre Beispiele. »Und auch große Fürstenhäuser geben noch heute einen Debütantenball, um ihre Töchter zum 18. Geburtstag in die Gesellschaft einzuführen. Natürlich alles hinter verschlossener  Man verkehrt schließlich unter seinesgleichen«, sagt Linna Nickel. Die Journalistin ist stellvertretende Leiterin des Ressorts Adel bei Bunte und beobachtet die Szene seit Jahren. »Ein Ball ist ein Schaulaufen der feinen Gesellschaft. Gleichzeitig ist er so etwas wie ein Gradmesser der eigenen Wichtigkeit: Wo stehe ich? Und für den Adel gilt: Paare finden sich auch heute noch gemäß der Tradition auf einem Ball.«

In Paris hat sich über die Jahrhunderte ein Debütantenball der Extraklasse etabliert. Alljährlich findet »Le Bal« statt – Hollywoodstars und Hochadelige präsentieren hier ihre nun erwachsenen Töchter. Teilnehmen darf nur, wer »on Invitation« dazu ausgewählt wurde. Reinkaufen? Keine Chance. 1996 sind sich hier Karl-Theodor zu Guttenberg und seine spätere Gattin Stephanie (geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen) nähergekommen. Legendär ihr Auftritt à la Marie Antoinette in einem Kleid von Christian Lacroix.

Die große Ballnacht – sie hat über die Jahrhunderte nichts an Strahlkraft eingebüßt. »Wenn man so will, erleben wir eine Rückkehr zur Tradition. Neben Hochzeiten ist ein Ball die einzige Gelegenheit, sich richtig schick zu machen sowie Etikette und Höflichkeit walten zu lassen. Der Wunsch nach diesen Werten wird in unserer schnelllebigen Zeit immer größer«, sagt Linna Nickel. »Ein Ball ist immer inszenierte Festkultur. Natürlich ist es fragwürdig, mit unserem heutigen Hang zum Rationalismus und Funktionalismus weiterhin Bälle zu feiern. Aber die Menschen sind eben fasziniert von solchen Inszenierungen«, sagt Monika Fink. Es ist eben das große Phänomen des Festes.

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018

Dürfen Ballroben bunt sein?

Oh ja, sie sollen sogar. Wir sagen: Nieder mit der Dauervernunft und dem ewigen Schwarzgraudunkelblau! Ein Plädoyer für mehr Mode-Mut und Spaß bei der Farbwahl.

„Was ziehe ich bloß an?“ Die Dame, die demnächst auf einen Ball geht, macht sich natürlich so ihre Gedanken. Der galante Ballbegleiter hat es da leichter: großer Gesellschaftsanzug, schon steht das Outfit. Die Sache mit dem Kleid ist indes verzwickter. Die Dame will schließlich nicht zu sehr auffallen. Aber auch nicht als Mauerblümchen durchgehen. Sophisticated wirken wäre schön, souverän sowieso! Also schwarz. Oder dunkelblau. Damit macht sie nichts falsch. Denkt sie.

Modisch sind wir heute in einem merkwürdigen Konsens angekommen: Bloß nicht zu viel Inszenierung, wenn es um die Garderobe geht. Bloß nicht anecken, aus dem Rahmen fallen. Zurückhaltung, bitte! Irgendwie schade. „Gedeckte Farben haben unseren Alltag übernommen: Autos sind anthrazit, unsere Alltagskleidung blau, sogar Kinderwagen sind zunehmend in neutralen Tönen gehalten. Dabei sind große Events wie der Bundespresseball für Frauen eine Gelegenheit, endlich wieder Mode-Mut an den Tag zu legen und zwischen den befrackten Männern hervorzustechen“, sagt Henriette Kuhrt, Stil-Kolumnistin der NZZ am Sonntag. Sie fordert: „Schluss mit der Dauervernunft, Seriosität und Unangreifbarkeit, die einem ein dunkles Kleid vermittelt – bunte Roben stehen für Glamour, Weiblichkeit und Lebenslust!“ In der Tat: Die Herren erscheinen ja fast uniformiert, sie lassen den Damen den Vortritt. Frauen mit ihren Roben sind auf einem Ballgeschehen die Hauptattraktion. Aber wie soll das gehen, ganz in grau oder schwarz?

„Viele vergessen, dass bunte Kleidung das Gesicht ganz anders in Szene setzt. Man sieht gleich viel gesünder und besser gelaunt aus. Und: Farbe streichelt die Persönlichkeit“, sagt Daniel Wingate, Modeschöpfer aus München. Der gebürtige US-Amerikaner hat u.a. für Strenesse und Hugo Boss entworfen, bei Escada war er lange Chefdesigner. Seit einem Jahr kreiert er für sein eigenes Label Wingate. „Dunkle Töne geben Sicherheit und lassen die Trägerin häufig dünner wirken. Aber Schwarz ist für mich wenig feminin und eher etwas für eine Beerdigung. Bei einem Ball feiert man doch das Leben!“ Wingate plädiert für mehr Freude an der Weiblichkeit. Denn gute Schnitte schmeicheln jedem Frauenkörper und allen Größen. Seine Kollektionen sind ein Beweis dafür. Und wer ein außergewöhnliches Kleid trägt, strahle gleich mehr Stolz und ein gewisses Standing aus. „Ein vom Schnitt her banales Kleid kann mit einer tollen Farbe eine unglaubliche Wirkung entfalten. Ein banaler Schnitt in schwarz ist tatsächlich einfach nur banal“, sagt der Designer.

Also: Mut tut gut! Raus aus der Comfortzone, weg vom Immergleichen. Und mehr Spaß an Mode, am Experimentieren. Angst vor einem Fashion-Fettnapf? Bracht es nicht. Denn: „Wenn das Kleid gut sitzt und aus einem eleganten Material besteht, kann nichts schief gehen. Ich würde nur von den pastelligem Eiskunstlauf-Polyester-Bomben mit Stickereien abraten“, sagt Stil-Expertin Henriette Kuhrt. Auf der anderen Seite: Ist nicht fast alles besser, als auf so einem Höhepunkt des gesellschaftlichen Kalenders bieder zu erscheinen? Übrigens gibt es ein deutliches Indiz dafür, dass die Ära der Zurückhaltung in der Mode nun zu Ende geht. Im Juni gab die italienische Marke Bottega Veneta nach 17 Jahren die Trennung von ihrem Designer Tomas Maier bekannt. Der hatte Legenden wie die handgeflochtenen Cabat-Taschen aus Leder geschaffen. Die Weltmarke stand für schlichte Eleganz und Diskretion. Ein Logo auf den Taschen? Fehlanzeige. Knallige Farben? Niemals. Jetzt also ein Kurswechsel. Es muss krachen, um mit Marken wie Gucci, Yves Saint Laurent und Balenciaga mithalten zu können.

Also die Damen, es wäre hinreißend, wenn Sie keine Lust mehr dazu hätten, durch Verzichtsästhetik zu punkten. Sie sind schon fast überzeugt? Na gut, ein letztes Argument hat Henriette Kuhrt noch: „Viele Designer sind dazu übergegangen, Farben einzusetzen, weil sie besser auf dem Bildschirm wirken – nach dem Motto ‚The screen has to scream‘. Wenn Sie sich hinterher auf Instagram oder in der Presse wiederfinden wollen, dann haben Sie mit einem farbigen Kleid eindeutig bessere Chancen.“

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018

Tanzende Moleküle

Wer sich regelmäßig bewegt, lebt gesünder. Aktuelle Studien zeigen, welche Vorteile speziell das Tanzen für Körper und Geist hat. Was genau passiert im Körper, wenn wir tanzen?

Forscher der Universität Magdeburg haben die körperlichen und physischen Auswirkungen von klassischem Paartanz im Vergleich zu monotonen Fitnessprogrammen umfassend untersucht. Das Ergebnis der Studie: Männer und Frauen, die drei Mal pro Woche ein spezielles Tanzprogramm absolvieren, altern langsamer, verbessern maßgeblich ihren Gleichgewichtssinn und verringern schwere Komplikationen bei Stürzen. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass regelmäßiges Tanzen zu einem deutlichen Anstieg des Proteins BDNF im Blut führt. »Diesem Protein wird ein Einfluss auf das Nervenwachstum zugeschrieben«, erläutert die leitende Sportwissenschaftlerin Professorin Dr. Anita Hökelmann. Das Fazit der Forscher: Tanzen kann die Bildung von neuen Nervenzellen und Nervenbindungen mehr unterstützen als ein monotones Fitnesstraining.

Beim Tanzen werden Körper und Geist gleichzeitig angesprochen. Es fördert die Aufmerksamkeit und erhöht die Konzentration. Um die vielen verschiedenen Sinneseindrücke aufzunehmen und miteinander zu kombinieren, arbeitet das Gehirn beim Tanzen auf Hochtouren. Während die Füße bestimmte Schritte gehen, lauschen die Ohren der Musik. Gleichzeitig müssen dabei immer wieder feine Bewegungssignale mit dem Tanzpartner abgestimmt werden. Schließlich soll es auf dem Parkett nicht zu einem Zusammenstoß mit anderen Paaren kommen. Durch die verschiedenen schnellen und langsamen Bewegungswechsel und die Gewichtsverlagerungen von einem auf das andere Bein wird nebenbei auch noch die allgemeine Koordinationsfähigkeit trainiert. »Tanzen ist eine Sportart, die konditionelle, koordinative und kognitive Leistungen erfordert und soziale Interaktionen fördert«, so Professorin Hökelmann.

Wie bei jeder Form der Bewegung werden auch beim Tanzen körpereigene Glückshormone ausgeschüttet, die sogenannten Endorphine. Endorphine sind vom Körper produzierte Opioide, die unter anderem Empfindungen wie Hunger oder Schmerz regulieren. Sie werden mit dafür verantwortlich gemacht, dass bestimmte körperliche Anstrengungen ein Glücksempfinden hervorrufen. Darüber hinaus vermindert Tanzen Cortisol und vermehrt Testosteron im Blut. Mit anderen Worten: Stress wird abgebaut und Lebensfreude erhöht.

Von Judith Pfaller
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018

65 Jahre Bundespresseball

Vom ersten „Presse- und Funkfest“ im Bundeshaus in Bonn bis zum feierlichen 65. Bundespresseball im Hotel Adlon Kempinski in Berlin. Ein Rückblick.
(Foto: Bundesregierung/Georg Munker 1955)

Neugierig? Hier können Sie einmal ausführlich durch die letzten Jahrzehnte der Bundespresseball-Geschichte reisen…