Magazin

zum Bundespresseball

Willkommen im Online-Magazin des Bundespresseballs. Erfahren Sie Wissenswertes und schauen Sie hinter die Kulissen der Veranstaltung.


Gage der Big Band

Engagiert für Flüchtlinge: Auf dem 69. Bundespresseball spielte die Big Band der Bundeswehr für einen guten Zweck. Da die Musiker stets ohne Gage auftreten, unterstützt der Bundespresseball den Verein »Bildung International e. V.« mit einer Spende von 10.000 Euro.

Als Mohammed zum ersten Mal in den Kindergarten kam, gab der Drei­jährige nur Laute von sich, sprechen konnte oder wollte er nicht. Auch zu Hause sprach er kein Wort, wie seine Mutter verzweifelt erzählte, als sie ihn im Kindergarten anmeldete. »Auf ihrer Flucht in die Türkei hatte er 15 Tage in einem Bunker ausharren müssen, während draußen Kämpfe tobten. Der Schock saß so tief, dass er in den ersten Tagen bei uns nur schüchtern in der Ecke saß«, erzählt Sanabel Marandi, die Leiterin des Fackeln-der-Freiheit-Kindergartens für syrische Flücht­lingskinder in Istanbul.

Wenn ihn die Kinderpsychologin ansprach, nickte er nur oder schüttelte mit dem Kopf. Nach vier Mona­ten sagte er zum ersten Mal seinen Namen. Heute ist Mohammed sechs Jahre alt. Er spielt mit Gleichaltrigen und besucht die erste Klasse einer türkischen Schule.

Sanabel Marandi bin ich vor etwa acht Jahren in Kahr­amanmaras, einer konservativ geprägten Großstadt in Südanatolien, zum ersten Mal begegnet. Hier hatte die Syrerin, die früher einmal als Lehrerin gearbeitet hatte, nach ihrer Flucht mit eigenem Geld und der Hilfe einiger Freunde eine Schule für Flüchtlinge aus Syrien gegründet. Doch das Exil dauerte länger als erwartet. Die Ersparnisse waren bald aufgebraucht. Gleichzeitig kamen immer mehr Flüchtlinge. 2015 waren es schon vier Gebäude, in denen die Kinder lernten. Dann schritten die lokalen Behörden ein: Die Syrer sollten künftig türkische Schulen besuchen. Denn an eine rasche Rückkehr glaubte jetzt kaum noch jemand.

Heute leitet Sanabel Marandi in Istanbul einen Kindergarten mit Vorschule, wo an fünf Tagen pro Woche mehr als 200 Kinder spielen und toben. Außerdem lernen sie das arabische Alphabet und Lieder aus der alten Heimat. Damit sie später in der Schule nicht zu Außenseitern werden, bringt ihnen eine Lehrerin Tür­kisch bei. Für den Kindergarten wurde eine ehemalige Postschalterhalle im Stadtteil Küçükçekmece umgebaut. Wenn Sanabel Marandi nicht im Kindergarten ist, ver­bringt sie ihre Zeit in dem gemeinnützigen Berufsbil­dungszentren für junge Flüchtlinge, das sie in Istanbul betreibt – bis Ende April 2020 mit Unterstützung von Malteser International. Ursprünglich hatte das Zentrum zwei Standorte in der Stadt. Doch als die Förderung endete und zugleich die Corona-Pandemie die Suche nach neuen Geldgebern erschwerte, musste sie den zweiten Standort schweren Herzens aufgeben. Neben Türkisch, Englisch und Webdesign sind in dem Berufs­bildungszentrum im Stadtteil Fatih besonders Kurse nachgefragt, die auf handwerkliche Tätigkeiten vor­bereiten – von der Handy-Reparatur über die Wartung von Haushaltsgeräten bis hin zum Friseurhandwerk. Für textile Handarbeiten bietet das The-Orient-Face-Ausbildungszentrum verschiedene Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Fast alle Kursteilnehmer sind syri­sche Flüchtlinge.

Diana Al-Shihabi (24) hat den Friseur-Kurs als beste Absolventin abgeschlossen. Da sie ihren Vater früh verloren hat, ist bei ihrer Familie das Geld knapp. Des­halb frisierte sie eine Zeit lang Frauen zu Hause, bis sie genügend gespart hatte. Heute hat sie ihren eige­nen Salon und leitet selbst Kurse. Abdullah Sakhel (29) stammt aus Aleppo, wo sein Vater als Schneider gear­beitet hat. Als Jugendlicher lernte er nähen. Als er mit seinen Eltern in die Türkei floh, fand er eine Anstellung in einer Textilfabrik. Doch nach drei Jahren war er so unglücklich, dass er darüber nachdachte, die Rückkehr nach Aleppo zu riskieren. »Die Arbeit war stupide, nie durfte ich ein Kleidungsstück selbst entwerfen und fertigstellen. Es war eine Fließbandarbeit, immer die gleiche Naht, stundenlang, tagelang.« Dann erzählte ihm ein Freund von den Drei-Monats-Kursen bei The Orient Face. Er schrieb sich ein für einen Schnittmus­ter-Kurs, den er neben der Arbeit besuchen konnte. Sein Abschlussprojekt gewann den ersten Preis. Nach einigen Monaten belegte er den zweiten Kurs: Schnittmuster erstellen am Computer. Heute arbeitet Abdullah Sakhel in der Textilfabrik eines Landsmannes in Istan­bul. Sein Gehalt hat er um ein Viertel steigern können.

Bedingt durch die Corona-Krise mussten sowohl der Kindergarten als auch das Berufsbildungszentrum 2020 mehrfach für einige Wochen schließen. Ausbildungskurse mussten wegen der Ausgangssperre zeit­weise vom Wochenende auf andere Tage verlegt wer­den. Beide Projekte laufen aber weiter. Die Nachfrage nach berufspraktischen Kursen ist sogar gestiegen.

 

Von Anne-Béatrice Clasmann, Vorstand Bildung International e. V.
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

 

Über den Verein Bildung International e. V.

Der gemeinnützige Verein zur Förderung von Bildungsprojekten für Flüchtlinge existiert seit 2014. Er entstand aus einer Initiative von fünf Auslandskorrespondentinnen und Auslandskorrespondenten, die für deutsche Medien in der Türkei, im Iran und in der arabischen Welt tätig waren, und wird ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Die Gründungsmitglieder engagieren sich bis heute in dem Verein (www.bildung-international.org), der aktuell Spenden für den Fackeln-der-Freiheit-Kindergarten und die The-Orient-Face-Berufsbildungszentren in Istanbul sammelt.

Eine klimaneutrale Ballnacht

Auch beim 69. Bundespresseball wurden die CO2-Emissionen des Balls wieder kompensiert. Mit der Unterstützung von ClimatePartner beteiligt sich der Bundespresseball an zwei Klimaschutzprojekten.

Grenzenlos tanzen

Tanz ist mehr als rechts, links, vor, zurück. Ob im Alter, mit Handicap, als Therapieform oder künstlerisches Stilmittel: Tanz bewegt und eröffnet neue Perspektiven, im Kopf und im Körper. GLANZ im Gespräch mit Menschen, die Grenzen übertanzen.

Tanz bringt uns in andere Denkräume.

»Ich habe schon früh angefangen, Theater zusam­men mit Text und Tanz zu denken. Tanz kann etwas ausdrücken, wo die Sprache nicht hinkommt. Mit Tanz kann man sich verbinden, ohne sich zu berüh­ren – gerade in diesen Zeiten, die geprägt sind von Kontaktsperren, sozialer Distanz und der Angst vor einer Infektion. Mich interessiert, was den körperli­chen Zustand der Menschen beeinflusst. Wie gehen wir als Gesellschaft mit Isolation um, mit Einsamkeit oder Überarbeitung? Tanz in meinen Arbeiten nimmt gesellschaftliche Zustände auf und untersucht, wie sie sich auf die Körper der Menschen auswirken. Diese körperlichen Zustände beeinflussen, wie die Tänzer sich in meinen Stücken bewegen. Sie übertragen das Gefühl des Textes in Bewegung. Musik beeinflusst den Tanz dabei maßgeblich und ist sehr wichtig, schon alleine durch die Frequenzen, die den Körper stimu­lieren. Meine Arbeit ist immer mehrdimensional. Die Zuschauer sollen nicht nur intellektuell, sondern auch emotional angesprochen werden. Tanz bringt uns in einen Zustand, wo wir offener und gelöster sind. Wir kommen auf eine andere körperliche Ebene, wo unser Geist dann auch anders reagiert. So erweitert Tanz immer wieder den Horizont.«

Falk Richter (52) ist ein deutscher Regisseur und Autor. Sein jüngstes Theaterstück, TOUCH, das im Oktober 2020 an den Münchner Kammerspielen Premiere feierte, war das erste unter der neuen Intendantin Barbara Mundel. TOUCH, das unter strengen Corona-Auflagen im Sommer 2020 entstand, thematisiert die Folgen der Pandemie als eine Phase des tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchs.

 

Einfach mal die Diagnose vergessen.

»Tanz ist so fest in meinem Leben verankert, dass ich mir einen Alltag ohne Tanz gar nicht mehr vorstellen kann. Ich habe lange professionell getanzt und an Turnieren teilgenom­men. 2016 habe ich zusammen mit der Stiftung Perspektiven ein Tanzprojekt für Krebspatienten ins Leben gerufen. Für meine Schüler in diesen besonderen Kursen bedeutet Tanzen einfach mal abschalten, an etwas anderes denken als an ihre Erkrankung. Sie erleben Gemein­schaft, fühlen sich wohl und kön­nen sich auf Augenhöhe begeg­nen. Durch diese Arbeit habe ich erst die vielen anderen Facetten des Tanzens kennengelernt. Tan­zen bedeutet Interaktion. Es ist nicht einfach nur bloßer Sport, bei dem man nebeneinander herhüpft. Tanzen ist Kommunikation. Es lebt von Entscheidungen, zum Beispiel ›führen‹ und ›folgen‹. Der Paartanz im Speziellen bedeutet höchstes Ver­trauen. Er bindet das Paar in sich viel mehr. Tanzen kann die Seele heilen und schlechte Gedanken und Erlebnisse vergessen machen. Ganz persönlich würde ich sagen: Tanz war mein Zugang zur Welt und zur Kommunikation mit anderen. Ich bin viel offener und beurteile weniger. Wenn ich tanze, freue ich mich ein­fach an der Bewegung und katego­risiere nicht.«

Tobias Wozniak wurde 1985 in Berlin-Spandau geboren und tanzt, seitdem er 13 Jahre alt ist. Nach einer erfolgreichen Karriere als Profiturniertänzer arbeitet er heute als freier Tanzlehrer in Berlin.

 

Wenn man den Rollstuhl nicht mehr bemerkt, haben wir es geschafft.

»Tanz hat für uns mit Überleben zu tun. Wenn wir mit­einander tanzen, vergessen wir alles um uns herum. Unsere Tanzkarriere war in den vergangenen Jahren immer wieder geprägt von der schweren Erkrankung meines Mannes. Die gemeinsame Bewegung und die Musik haben uns gerade in dieser Zeit geholfen, wieder nach vorne zu blicken. Ob auf dem Kranken­hausflur oder zu Hause: Das Tanzen hat uns gerettet und tut es noch. Es gibt uns die Energie, all die Dinge zu tun, die uns wichtig sind und die das Leben für uns lebenswert machen. Heute sind wir Deutscher Meister im Rollstuhltanz in der Sektion Standard. Wenn man als Zuschauer den Rollstuhl vergisst und ihn gar nicht mehr bemerkt, dann haben wir es geschafft. Tanzen hat ja nicht nur etwas mit den Füßen zu tun. In der Disco hat man auch nicht viel Platz, um Schritte zu machen, aber der Körper bewegt sich. Das ist das Wichtigste: Dass man das, was noch beweglich ist, bewegt. Heute wird unser Leben geführt durch das Tanzen. Wir trainieren dreimal die Woche und arbei­ten mit verschiedenen Trainern. Das Leben muss nicht vorbei sein, wenn man im Rollstuhl sitzt. Wir wollen zeigen, dass man trotzdem am Leben teilhaben und eine Menge Spaß dabei haben kann.«

Andrea Naumann-Clément (60) und Jean-Marc Clément (66) tanzen seit 20 Jahren miteinander. Sie sind amtierende deutsche Meister im Rollstuhltanz in der Sektion Standard.
Jean-Marc Clément ist kurz nach Redaktionsschluss leider verstorben. Die Redaktion hat sich dazu entschieden, den Text unverändert abzudrucken, um an einen herausragenden Tänzer zu erinnern. Unsere aufrichtige Anteilnahme und unser herzliches Beileid gilt seiner Ehefrau und seiner Familie.

 

Tanzen ist unser Lebenselixier.

»Wir haben durch das Tanzen nicht nur viel erlebt, sondern auch die halbe Welt bereist. Damit hatten wir nicht gerechnet, als wir vor 40 Jahren angefangen haben. Damals wollten wir einfach etwas zusammen machen und uns auspowern. Heute ist das Tanzen unser Leben, vor allem Boogie-Woogie hat es uns ganz besonders angetan. Anders als bei klassi­schen Standardtänzen kann man beim Boogie-Woogie improvisieren und die Musik interpretieren. Wir waren durch das Tanzen so viel unterwegs, da haben wir gar nicht bemerkt, dass wir alt geworden sind – vielleicht vom Körper, aber nicht vom Geist. Wir sind durch das Tanzen auch sehr viel mit jungen Leuten zusammen. Natürlich wird man ein bisschen langsamer im Alter. Boogie-Woogie und Rock‘n’Roll sind ja schnelle Tänze. Aber wir versuchen, uns einfach weiter fit zu halten, und trainieren auch heute noch zweimal die Woche. Wenn die Menschen mehr tanzen würden, würde es auf jeden Fall weniger Ärger geben. Tanzen erweitert den Horizont. Es gibt keine Grenzen, wenn man tanzt. Jeder ist Teil der großen Tanzfamilie. Das haben wir auf so vielen Events und Turnieren erlebt. Tanzen hat uns aber auch als Paar immer wieder zusammengebracht. Das hat unserer 52-jährigen Ehe sehr gutgetan.«

Nellia (68) und Dietmar Ehrentraut (74) haben vor 40 Jahren angefangen, miteinander zu tanzen. Ihre Leidenschaft gehört der Musik und dem Tanz der 40er-, 50er- und 60er-Jahre. Ein Video, auf dem sie bei einem Tanzturnier Boogie-Woogie tanzen, wurde bereits millionenfach angesehen.

Von Judith Pfaller
Erschienen im GLANZ Magazin, Dezember 2021

Faszination Ballkultur

Seit Jahrhunderten gilt ein Ball als Höhepunkt des gesellschaftlichen Kalenders. Doch seit wann treffen wir uns überhaupt zum festlich organisierten Tanz? Und was fasziniert uns heute an ihm?
(Foto: Maskenball im Spiegelsaal von Versailles, picture-alliance/maxppp)

Es gab eine Zeit, da wurde in Tanzlehrbüchern davor gewarnt, bestimmte Bälle zu besuchen. Tatsache! Die gesundheitlichen Folgen übertriebenen Tanzens könnten nämlich lebensgefährlich sein: Wer sich im schnellen Walzer durch den Raum dreht oder gar den noch schnelleren Galopp tanzt, riskiere zu überhitzen. Daraus folge schnell eine Erkältung, dann eine Lungenentzündung und schließlich der Tod. Im 18. und auch im 19. Jahrhundert war ein Ballbesuch also nicht immer ein Vergnügen, sondern eine Verpflichtung der höfischen Gesellschaft gegenüber dem Herrscher. Wer schwänzte, musste einen Verlust an Ansprüchen in Kauf nehmen. Also erschien man besser. Von einem entspannten Abend konnte aber keine Rede sein: »In den Ballsälen war die Luft schlecht, die Damen sind häufig in Ohnmacht gefallen. Dazu keine adäquaten Tanzböden und unbequeme Schuhe«, sagt Monika Fink, Professorin am Musikwissenschaftlichen Institut der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck. Die Expertin forscht seit Jahrzehnten zur Kulturgeschichte des Gesellschaftstanzes. »Das festlich organisierte Tanzen in Form von Bällen ist seit Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Aber die eigentliche zeremonielle Ballkultur entstand ganz eindeutig mit Ludwig XIV. in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts. Da hat sich am Hof von Versailles mit Prestigecharakter und Zeremoniell genau das herausgebildet, was in den folgenden Jahrhunderten die Ballkultur ausmachen sollte«, erklärt Monika Fink.

Am Hof von Versailles ging es also los mit der Demonstration von Macht und Prunk. Tanz als Abbildung von Herrschaftsstruktur. Von wegen lässig das Tanzbein schwingen! Die Tänze waren formal geregelt. Es stand strikt fest, wer mit wem wann welchen Tanz tanzt. Und diese Tänze waren immer vorwärts gerichtet – auf das Herrscherpaar zu. Logisch, dass die Ballsäle deshalb rechteckig angelegt waren. »Erst später, als in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts die Rundtänze aufkamen, wurden die französischen Barocktänze langsam in den Hintergrund gedrängt und die Ballsäle quadratisch. Tänze sind immer ein Abbild der Gesellschaft – und das war ein geradezu demokratischer Moment«, sagt Monika Fink.

In Österreich gibt es noch heute eine in der Ballsaison ausgefeilte Ballkultur. »Die Liebe der Österreicher zum Ball kam mit dem Wiener Opernball. Der wurde eigentlich nicht in Wien, sondern in Paris erfunden«, weiß Monika Fink. Dort fanden bereits im 18. Jahrhundert erste ungezügelte Maskenbälle an der Oper statt. Den Wiener Opernball gibt es erst seit 1935. Er war prägend für eine ganze Nation – und wird noch heuteweltweit kopiert. Er enthält alles, was die Ballkultur ausmacht: Zeremonienmeister und Ballordnung, große Roben, Einzug der Debütanten, Walzer, die Einbeziehung der Künstler und eine Mitternachtseinlage.

Auch in Deutschland konnte die europäische Ballkultur bis heute überleben. Der Bundespresseball, der Frankfurter Opernball und der Semperopernball sind drei populäre Beispiele. »Und auch große Fürstenhäuser geben noch heute einen Debütantenball, um ihre Töchter zum 18. Geburtstag in die Gesellschaft einzuführen. Natürlich alles hinter verschlossener  Man verkehrt schließlich unter seinesgleichen«, sagt Linna Nickel. Die Journalistin ist stellvertretende Leiterin des Ressorts Adel bei Bunte und beobachtet die Szene seit Jahren. »Ein Ball ist ein Schaulaufen der feinen Gesellschaft. Gleichzeitig ist er so etwas wie ein Gradmesser der eigenen Wichtigkeit: Wo stehe ich? Und für den Adel gilt: Paare finden sich auch heute noch gemäß der Tradition auf einem Ball.«

In Paris hat sich über die Jahrhunderte ein Debütantenball der Extraklasse etabliert. Alljährlich findet »Le Bal« statt – Hollywoodstars und Hochadelige präsentieren hier ihre nun erwachsenen Töchter. Teilnehmen darf nur, wer »on Invitation« dazu ausgewählt wurde. Reinkaufen? Keine Chance. 1996 sind sich hier Karl-Theodor zu Guttenberg und seine spätere Gattin Stephanie (geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen) nähergekommen. Legendär ihr Auftritt à la Marie Antoinette in einem Kleid von Christian Lacroix.

Die große Ballnacht – sie hat über die Jahrhunderte nichts an Strahlkraft eingebüßt. »Wenn man so will, erleben wir eine Rückkehr zur Tradition. Neben Hochzeiten ist ein Ball die einzige Gelegenheit, sich richtig schick zu machen sowie Etikette und Höflichkeit walten zu lassen. Der Wunsch nach diesen Werten wird in unserer schnelllebigen Zeit immer größer«, sagt Linna Nickel. »Ein Ball ist immer inszenierte Festkultur. Natürlich ist es fragwürdig, mit unserem heutigen Hang zum Rationalismus und Funktionalismus weiterhin Bälle zu feiern. Aber die Menschen sind eben fasziniert von solchen Inszenierungen«, sagt Monika Fink. Es ist eben das große Phänomen des Festes.

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018

Dürfen Ballroben bunt sein?

Oh ja, sie sollen sogar. Wir sagen: Nieder mit der Dauervernunft und dem ewigen Schwarzgraudunkelblau! Ein Plädoyer für mehr Mode-Mut und Spaß bei der Farbwahl.

„Was ziehe ich bloß an?“ Die Dame, die demnächst auf einen Ball geht, macht sich natürlich so ihre Gedanken. Der galante Ballbegleiter hat es da leichter: großer Gesellschaftsanzug, schon steht das Outfit. Die Sache mit dem Kleid ist indes verzwickter. Die Dame will schließlich nicht zu sehr auffallen. Aber auch nicht als Mauerblümchen durchgehen. Sophisticated wirken wäre schön, souverän sowieso! Also schwarz. Oder dunkelblau. Damit macht sie nichts falsch. Denkt sie.

Modisch sind wir heute in einem merkwürdigen Konsens angekommen: Bloß nicht zu viel Inszenierung, wenn es um die Garderobe geht. Bloß nicht anecken, aus dem Rahmen fallen. Zurückhaltung, bitte! Irgendwie schade. „Gedeckte Farben haben unseren Alltag übernommen: Autos sind anthrazit, unsere Alltagskleidung blau, sogar Kinderwagen sind zunehmend in neutralen Tönen gehalten. Dabei sind große Events wie der Bundespresseball für Frauen eine Gelegenheit, endlich wieder Mode-Mut an den Tag zu legen und zwischen den befrackten Männern hervorzustechen“, sagt Henriette Kuhrt, Stil-Kolumnistin der NZZ am Sonntag. Sie fordert: „Schluss mit der Dauervernunft, Seriosität und Unangreifbarkeit, die einem ein dunkles Kleid vermittelt – bunte Roben stehen für Glamour, Weiblichkeit und Lebenslust!“ In der Tat: Die Herren erscheinen ja fast uniformiert, sie lassen den Damen den Vortritt. Frauen mit ihren Roben sind auf einem Ballgeschehen die Hauptattraktion. Aber wie soll das gehen, ganz in grau oder schwarz?

„Viele vergessen, dass bunte Kleidung das Gesicht ganz anders in Szene setzt. Man sieht gleich viel gesünder und besser gelaunt aus. Und: Farbe streichelt die Persönlichkeit“, sagt Daniel Wingate, Modeschöpfer aus München. Der gebürtige US-Amerikaner hat u.a. für Strenesse und Hugo Boss entworfen, bei Escada war er lange Chefdesigner. Seit einem Jahr kreiert er für sein eigenes Label Wingate. „Dunkle Töne geben Sicherheit und lassen die Trägerin häufig dünner wirken. Aber Schwarz ist für mich wenig feminin und eher etwas für eine Beerdigung. Bei einem Ball feiert man doch das Leben!“ Wingate plädiert für mehr Freude an der Weiblichkeit. Denn gute Schnitte schmeicheln jedem Frauenkörper und allen Größen. Seine Kollektionen sind ein Beweis dafür. Und wer ein außergewöhnliches Kleid trägt, strahle gleich mehr Stolz und ein gewisses Standing aus. „Ein vom Schnitt her banales Kleid kann mit einer tollen Farbe eine unglaubliche Wirkung entfalten. Ein banaler Schnitt in schwarz ist tatsächlich einfach nur banal“, sagt der Designer.

Also: Mut tut gut! Raus aus der Comfortzone, weg vom Immergleichen. Und mehr Spaß an Mode, am Experimentieren. Angst vor einem Fashion-Fettnapf? Bracht es nicht. Denn: „Wenn das Kleid gut sitzt und aus einem eleganten Material besteht, kann nichts schief gehen. Ich würde nur von den pastelligem Eiskunstlauf-Polyester-Bomben mit Stickereien abraten“, sagt Stil-Expertin Henriette Kuhrt. Auf der anderen Seite: Ist nicht fast alles besser, als auf so einem Höhepunkt des gesellschaftlichen Kalenders bieder zu erscheinen? Übrigens gibt es ein deutliches Indiz dafür, dass die Ära der Zurückhaltung in der Mode nun zu Ende geht. Im Juni gab die italienische Marke Bottega Veneta nach 17 Jahren die Trennung von ihrem Designer Tomas Maier bekannt. Der hatte Legenden wie die handgeflochtenen Cabat-Taschen aus Leder geschaffen. Die Weltmarke stand für schlichte Eleganz und Diskretion. Ein Logo auf den Taschen? Fehlanzeige. Knallige Farben? Niemals. Jetzt also ein Kurswechsel. Es muss krachen, um mit Marken wie Gucci, Yves Saint Laurent und Balenciaga mithalten zu können.

Also die Damen, es wäre hinreißend, wenn Sie keine Lust mehr dazu hätten, durch Verzichtsästhetik zu punkten. Sie sind schon fast überzeugt? Na gut, ein letztes Argument hat Henriette Kuhrt noch: „Viele Designer sind dazu übergegangen, Farben einzusetzen, weil sie besser auf dem Bildschirm wirken – nach dem Motto ‚The screen has to scream‘. Wenn Sie sich hinterher auf Instagram oder in der Presse wiederfinden wollen, dann haben Sie mit einem farbigen Kleid eindeutig bessere Chancen.“

Von Kira Brück
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018

Tanzende Moleküle

Wer sich regelmäßig bewegt, lebt gesünder. Aktuelle Studien zeigen, welche Vorteile speziell das Tanzen für Körper und Geist hat. Was genau passiert im Körper, wenn wir tanzen?

Forscher der Universität Magdeburg haben die körperlichen und physischen Auswirkungen von klassischem Paartanz im Vergleich zu monotonen Fitnessprogrammen umfassend untersucht. Das Ergebnis der Studie: Männer und Frauen, die drei Mal pro Woche ein spezielles Tanzprogramm absolvieren, altern langsamer, verbessern maßgeblich ihren Gleichgewichtssinn und verringern schwere Komplikationen bei Stürzen. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass regelmäßiges Tanzen zu einem deutlichen Anstieg des Proteins BDNF im Blut führt. »Diesem Protein wird ein Einfluss auf das Nervenwachstum zugeschrieben«, erläutert die leitende Sportwissenschaftlerin Professorin Dr. Anita Hökelmann. Das Fazit der Forscher: Tanzen kann die Bildung von neuen Nervenzellen und Nervenbindungen mehr unterstützen als ein monotones Fitnesstraining.

Beim Tanzen werden Körper und Geist gleichzeitig angesprochen. Es fördert die Aufmerksamkeit und erhöht die Konzentration. Um die vielen verschiedenen Sinneseindrücke aufzunehmen und miteinander zu kombinieren, arbeitet das Gehirn beim Tanzen auf Hochtouren. Während die Füße bestimmte Schritte gehen, lauschen die Ohren der Musik. Gleichzeitig müssen dabei immer wieder feine Bewegungssignale mit dem Tanzpartner abgestimmt werden. Schließlich soll es auf dem Parkett nicht zu einem Zusammenstoß mit anderen Paaren kommen. Durch die verschiedenen schnellen und langsamen Bewegungswechsel und die Gewichtsverlagerungen von einem auf das andere Bein wird nebenbei auch noch die allgemeine Koordinationsfähigkeit trainiert. »Tanzen ist eine Sportart, die konditionelle, koordinative und kognitive Leistungen erfordert und soziale Interaktionen fördert«, so Professorin Hökelmann.

Wie bei jeder Form der Bewegung werden auch beim Tanzen körpereigene Glückshormone ausgeschüttet, die sogenannten Endorphine. Endorphine sind vom Körper produzierte Opioide, die unter anderem Empfindungen wie Hunger oder Schmerz regulieren. Sie werden mit dafür verantwortlich gemacht, dass bestimmte körperliche Anstrengungen ein Glücksempfinden hervorrufen. Darüber hinaus vermindert Tanzen Cortisol und vermehrt Testosteron im Blut. Mit anderen Worten: Stress wird abgebaut und Lebensfreude erhöht.

Von Judith Pfaller
Erschienen im GLANZ Magazin, August 2018