Mehr Tempo, mehr Action
Der Preis der Bundespressekonferenz, mit dem der Verein besondere Leistungen im Sinne gelebter Pressefreiheit ehrt, geht in diesem Jahr an Dr. Andreas Rinke. An einen Journalisten, der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Bundespolitik dank vieler kluger Fragen, nicht nachlassender Neugier und Beharrlichkeit fundiert beschreibt und einordnet.
Andreas Rinke ist immer da. Er ist schon da, wenn Mikrofone und Kameras für einen Pressetermin aufgebaut werden. Und er ist noch da, wenn alles wieder verstaut wird – den Laptop notfalls auf den Knien, um rasch eine Meldung abzusetzen. Andreas Rinke ist der Chronist des politischen Berlins. Als Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters gehört es vielleicht dazu, immer der Erste und der Letzte zu sein. Für Andreas Rinke ist es mehr: Es ist sein Arbeitsethos.
Schreiben ist schon früh sein Berufswunsch, in Schüler- und Studentenzeitungen erscheinen erste Texte. Eigentlich will er Filmkritiker werden, doch das ergibt sich nicht. Nach dem Studium arbeitet er für die Hannoversche Allgemeinen Zeitung, dann zehn Jahre als bundespolitischer Korrespondent für das Handelsblatt. Was ihn antreibt? »Es ist tatsächlich das Motiv, Sachen verstehen zu wollen«. Und dann die oftmals komplexen Zusammenhänge verständlich aufzubereiten. »Ich bin auch gerne der Erklärbär«, sagt er. Nicht belehrend, nicht von oben herab. Auch deshalb schreibt Rinke lieber fundierte Analysen und nicht so gern knackige, aber dafür zugespitzte Kommentare.
Andreas Rinke ist gerade 65 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem andere langsam ans Aufhören denken. Bei ihm hat man eher das Gefühl, die Neugier nimmt noch zu. Bei vielen Pressekonferenzen, ob in der Bundespressekonferenz oder im Kanzleramt, ist er oft der erste Fragesteller. Als er vor 15 Jahren vom Handelsblatt zum deutschen Dienst von Reuters wechselt, ist es dieses innere Feuer, das ihn antreibt. Rinke will mehr Tempo, mehr Action: »Das war eindeutig der Wunsch, anders und intensiver zu arbeiten.« Das hat er bei der Agentur gefunden. Auch als verantwortlicher Korrespondent für den Kanzler. »Ich bin näher dran. Also, die Intensität, die Taktung der Beobachtung eines Kanzlers oder einer Kanzlerin ist einfach eine andere.«
Dazu gehört auch, jede Äußerung, jede Rede und jedes Interview zu verfolgen – erst bei Angela Merkel, dann bei Olaf Scholz und jetzt bei Friedrich Merz. Diese Dauerbeobachtung sei zwar äußerst anstrengend, doch sie erlaube eine viel tiefere Analyse von Politik. »Weil mir das einfach ein besseres Verständnis gibt, auch für die Feinheiten, wie sich ein Diskurs ändert.« So bekomme er immer wieder ein neues Bild von denjenigen, über die er schreibe. Das müsse »nicht besser oder schlechter sein, es geht nicht darum, ob ich Positionen richtig oder falsch finde«. Die intensive Beschäftigung helfe aber dabei, die Beweggründe besser zu verstehen. Das sei »vielfach eine Schwäche im aktuellen Journalismus«, resümiert Rinke: »Politische Diskussionen werden nicht besser, wenn sie auf Unterstellungen und Vermutungen aufbauen.« Für guten Journalismus komme es auf eines ganz besonders an: »Dass man weiß, worüber man schreibt.«
Das ist seit Beginn seiner journalistischen Karriere sein Anspruch, auch als er für die Hannoversche Allgemeine Zeitung zunächst über Kaninchenzüchter und Schützenvereine schreibt. Dass der Lokaljournalismus heute stark gefährdet ist, hält Rinke für beängstigend. »Für mich beginnt der demokratische Diskurs auf der untersten Ebene. Im Lokalen. Wenn der nicht mehr gegeben ist, weil Zeitungen nicht mehr existieren oder sie kein Geld mehr haben, um Redaktionen zu unterhalten, dann ist das eine der großen Gefahren für die Demokratie.«
Foto: Annegret Hilse